Vermittlungsvorrang und Eigenkündigung

Alles über den Gründungszuschuss und das Einstiegsgeld.
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Chrisnny40
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Vermittlungsvorrang und Eigenkündigung

Beitrag von Chrisnny40 » 09.03.2012, 12:58

Hallo liebe GründerInnen und Gründungsexperten,

folgende Situation:

Aktuell bin ich nach der Geburt meines Kindes (Sommer 2011) noch bis Juni 2012 in Elternzeit. Ich bin in einem Angestelltenverhältnis und zudem seit zwei Jahren nebenberuflich selbstständig. Mein Angestelltenverhältnis möchte ich mit Beendigung der Elternzeit kündigen. Grund ist ein völlig zerrüttetes Arbeitsverhältnis mit meinem Arbeitgeber. Seit Bekanntwerden meiner Schwangerschaft wurde ich von Seiten meines Chefs massiv gemobbt. Gleichzeitig wurde mir eine Krankschreibung ans Herz gelegt, damit ich der Firma nicht mehr finanziell zur Last falle. Das Mobbing und die Schikanierungen wurden so schlimm, dass ich gesundheitliche Probleme bekam und die Gesundheit meines Kindes gefährdet war. Mein Arzt stellte mir daraufhin ein individuelles Beschäftigungsverbot bis zum Eintritt des Mutterschutzes aus. Das war eine sehr schlimme Zeit für mich und eine Rückkehr in den Job kommt für mich keinesfalls in Frage. Eine Alternative zur Kündigung gibt es nicht für mich.

Nun möchte ich aus meiner nebenberuflichen Selbstständigkeit eine hauptberufliche Selbstständigkeit machen und dafür gerne Gründungszuschuss beantragen.

Das Gespräch mit einem Berater von der Arbeitsagentur hat folgende widersprüchliche Aussagen ergeben:

1. Ich werde aufgrund meines individuellen Beschäftigungsverbotes wahrscheinlich keine Sperrzeit beim ALG1 bekommen (da wichtiger Kündigungsgrund). Immerhin!

2. Gründungszuschuss würde ich aufgrund meiner Eigenkündigung nicht erwarten können?! (Das steht doch im Widerspruch zu Punkt 1, oder?)

3. Ich weiß, es besteht seit kurzem Vermittlungsvorrang. Ich fragte den Vermittler dann, was ich mache, wenn ich nach zig Bewerbungen und Absagen immer noch keine Stelle habe? Ob ich wohl dann eine Selbstständigkeit in Betracht ziehen könne. Antwort: Solange es potentielle Stellen für mich gäbe (egal ob ich die kriege oder nicht), würde ein Gründungszuschuss nicht gewährt. Dann ist es meiner Ansicht nach ausgeschlossen, dass überhaupt irgendjemand Gründungszuschuss bekommt. Denn für jeden existiert mit Sicherheit irgendwo eine potentielle Stelle,oder?

4. Ich habe einen Eingliederungsvertrag unterschrieben, der für sechs Monate (bereits ab jetzt) gilt. Ich soll nun eine gewisse Anzahl an Bewerbungen jeden Monat abschicken und dem Vermittler nachweisen. Habe ich nach Ablauf der Eingliederungsvereinbarung reelle Chancen auf Gründungszuschuss, wenn bis dahin immer noch kein Job in Sicht ist?

Mein "Problem" in Sachen Vermittlungsvorrang ist, dass ich eine sehr gute Ausbildung habe und es in meinem Bereich einige potentielle Vermittlungsvorschlgäge gibt. Ich bin also laut Vermittler gut vermittelbar und habe damit erstmal keinen Anspruch auf Gründungszuschuss. Die vermittelbaren Stellen beziehen sich allerdings alle auf eine Vollzeitstelle. Mit meinem Kind ist allerdings eine Vollzeitstelle nicht machbar. Mein Mann arbeitet aufgrund meiner angestrebten Selbstständigkeit bereits Teilzeit und eine Tagesmutter haben wir auch für einige Stunden in der Woche. Ein 8.00 bis 17.00 Uhr Job ist aber trotzdem nicht machbar. Meine eigene Selbstständigkeit kann ich von zuhause aus (große Büroräume) betreiben und kann sie mir aufgrund meiner Familiensituation sehr flexibel einteilen (vormittags, nachmittags, abends, Wochenende). Das ist bei einer Vollzeitstelle nicht flexibel regelbar.

Jetzt frage ich mich, ob ich mir nur Teilzeitstellen anbieten lassen soll. Ich weiß, dass das zu Einbußen beim ALG 1 führen kann, aber durch diese Einschränkung in der Arbeitszeit bin ich "schlechter vermittelbar" (da gibt es nämlich keine Stellen in der Umgebung) und kann vielleicht chancenreicher meinen Businessplan einreichen?! Oder bekomme ich dann wiederum Probleme mit der Glaubwürdigkeit meines Businessplans? (mit einer flexiblen Zeiteinteilung kann ich 30-40 Stunden in der Woche arbeiten) Reicht das, um Gründungszuschuss zu bekommen?

Zu guter Letzt hat mir mein Berater dann ans Herz gelegt, ich solle mich doch schon in der Elternzeit selbstständig machen. Es gäbe da wohl ein Schlupfloch, durch das man volles Elterngeld bekäme und dennoch voll dazuverdienen darf. Was ist das denn für eine merkwürdige Information? Soweit ich weiß, verwirkt man mit einer zu frühen Gründung (VOR Einreichen der Anträge auf Gründungszuschuss) seinen Anspruch auf denselbigen. Zudem dachte ich, dass alle Einkünfte voll aufs Elterngeld angerechnet werden.

Leider komme ich zu dem Schluss, dass mein Berater keinerlei Interesse an meiner persönlichen Situation hat und mich bloß schnell irgendwie vermitteln und damit loswerden will. Ist er tatsächlich der Einzige, der über den Gründungszuschuss entscheiden wird? Na dann Prost Mahlzeit!

Viele Fragen, und hoffentlich viele Antworten.

Ich bedanke mich im Voraus herzlich für Ihre Unterstützung!

gruendungsberater24
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Re: Vermittlungsvorrang und Eigenkündigung

Beitrag von gruendungsberater24 » 09.03.2012, 13:58

Hallo Chrisnny40,

zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum Nachwuchs und meinen Vollen Respekt vor der Situation, sich mit kleinem Kind selbständig machen zu wollen. Aus eigener Erfahrung kenne ich die Hürden, die dann auf Sie zu kommen.

Aber jetzt zu Ihren Fragen:

Das Schlupfloch im Elterngeld habe ich nicht gefunden. Meines Wisens nach wird jeder Euro, der zusätzlich zum Elterngeld verdient wird, angerechnet. Aber Sie haben eine andere Möglichkeit:

Sie beziehen bis zum letzten Tag Ihr Arbeitlosengeld und bleiben weiterhin nebenberuflich selbständig. In dieser Zeit bauen Sie Ihre Tätigkeit so weit aus, dass Sie davon leben können. Bezüglich der Bewerbungen ist es zwar richtig, dass Sie sich weiterhin bewerben müssen, aber die Einstellungsquoten mit Kleinkind sind nicht wirklich hoch. Zudem können Sie ja, sofern es zu einem Vorstellungsgespräch kommen sollte, eine freie Mitarbeit anbieten (sofern das in Ihrem Berufsfeld möglich ist...). Damit hätten Sie vielleicht einen Kunden gewonnen.

Die Idee, mich nur "Teilzeit" zur Vermittlung zur Verfügung zu stellen, würde ich verwerfen. Entsprechende Wünsche kann man im Vorstellungsgespräch beim Arbeitgeber vortragen, allerdings nicht unbedingt der Arbeitsagentur. Auch wenn die Kinderbetreuung sicherlich ein wichtiger Grund wäre, kann das ALG entsprechend gekürzt werden.

Mein Vorschlag: Sie bleiben arbeitslos und bewerben sich brav. In Vorstellungsgesprächen versuchen Sie, den potentiellen Arbeitgeber zum Kunden zu "wandeln". Nebenher bauen Sie sich Ihre nebenberufliche Selbständigkeit auf. Zum Fristablauf beantragen Sie Gründungszuschuss (dazu müssen Sie noch 150 Tage Restanspruch auf ALG haben). Ob Sie nun die ersten 6 Monate ALG bekommen oder 6 Monate Gründungszuschuss spielt doch eigentlich keine wesentliche Rolle.

Wichtig ist der Antrag und der darauffolgende Bescheid, damit Sie einige Vergünstigungen für Gründungen aus der Arbeitslosigkeit in Anspruch nehmen können. (Förderung bei Gründercoaching, evtl. günstige Beitragssätze im ersten Geschäftsjahr in der GKV...)

Der Businessplan wird nicht dadurch unglaubwürdig, dass Sie aufgrund von Kinderbetreuung nicht dazu in der Lage sind, 30-40 Stunden je Woche zu vom Arbeitgeber festgelegten Uhrzeiten zu arbeiten.

Viele Grüße

Michael Köhler

Chrisnny40
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Re: Vermittlungsvorrang und Eigenkündigung

Beitrag von Chrisnny40 » 10.03.2012, 10:37

Guten Morgen Herr Köhler,

zunächst einmal vielen herzlichen Dank für Ihre so schnelle und unbürokratische Hilfe. Mir ist ein ziemlicher Geröllhaufen vom Herzen gefallen.:)

Ihre Idee klingt gut umsetzbar - auch wenn die Realisierung ziemlich lästig und mit völlig sinnlosem Zeitaufwand verbunden ist. Ich bin mir sicher, dass die Bundesregierung gerade das NICHT mit ihren Änderungen bezwecken wollte. Aber gut - es gibt Mittel und Wege - das beruhigt mich etwas. Leider bin ich so gar nicht der Typ dafür, sich bei Bewerbungsgesprächen entgegen des Ziels - also der Einstellung - zu verhalten. Aber die Idee mit der Umwandlung zum Kunden finde ich geradezu grandios. :) Ich frage mich allerdings, was ich bei einem Vorstellungsgespräch überhaupt sagen darf, ohne dass ich Probleme mit der Arbeitsagentur bekomme. In meiner Zeit als Angestellte habe ich öfter Fragebögen der Agentur für Arbeit ausfüllen müssen, weil diese wissen wollte, warum wir diesen oder jenen Bewerber nicht eingestellt haben.

Was passiert nun, wenn ein potentieller Arbeitgeber in so einen Fragebogen schreibt, dass ich ihm eine freiberufliche Tätigkeit angeboten habe? Oder Teilzeit arbeiten möchte? Kann mir das Arbeitsamt dann Auflagen machen? Oder gar eine Sperrzeit verhängen?

Meine nebenberufliche Selbstständigkeit ist seit längerem beim Finanzamt gemeldet. Bei der AA habe ich das auch erwähnt, weiß aber nicht, ob das irgendwo dort verzeichnet ist. Muss ich nun eine Änderungsmitteilung machen? Gibt es in der Zeit, in der ich dann ALG 1 beziehe, Einkommensgrenzen für meine nebenberufliche Selbstständigkeit? Ich möchte natürlich keine Abzüge vom ALG1. Soweit ich weiß, darf ich offiziell 15 Stunden pro Woche arbeiten.

Zu guter Letzt: Obwohl ich selbst gekündigt habe, habe ich laut Vermittler vermutlich keine Sperrzeit zu erwarten (wegen individuellem Beschäftigungsverbot). Kann ich schon vorher defintiv mit dem AA klären, ob ich eine Sperrzeit bekomme, oder wird das erst entschieden, wenn ich mich tatsächlich am ersten Tag meiner Arbeitslosigkeit arbeitslos melde? Für meine Planung wäre das natürlich gut zu wissen.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Hilfe!!

Viele Grüße

gruendungsberater24
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Re: Vermittlungsvorrang und Eigenkündigung

Beitrag von gruendungsberater24 » 10.03.2012, 20:30

Hallo,

die Intention der Bundesregierung bei der Kürzung des Gründungszuschusses war sparen. Das gelingt ihnen auch.

Die Fragebögen bezüglich Bewerbung seitens der Arbeitsagentur gehen dann raus, wenn Sie von dort einen Vermittlungsvorschlag erhalten haben. Sie müssen Ihre selbständige Tätigkeit ja nicht offensiv bewerben. Bei den meisten Arbeitgebern sind Sie mit einer entsprechenden selbständigen Nebentätigkeit eh raus.

Bezüglich der Arbeitszeiten und der Anstellungsform ist es Sache zwischen Arbeitgeber und Ihnen, ob und wie Sie sich einigen. Sie sollten nur nicht mit der "Null-Bock"- Stimmung im Vorstellungsgespräch auftreten. Die Agentur kann keinesfalls von Ihnen verlangen, dass Sie Ihre selbständige Nebentätigkeit aufgeben. Und wenn es damit üblicherweise schwerer ist, ein Anstellungsverhältnis zu bekommen, ist das eben so.

Naja, sehen Sie das mit dem ziel einmal anders: Der Arbeitgeber sucht gewisse Kompetenzen zur Verstärkung seines Teams. Diese Kompetenzen haben Sie ja offensichtlich. Und es liegt in Ihrer freien Entscheidung, wie Sie sich einigen. Auch bezüglich der Arbeitszeiten ist es ja durchaus möglich, dass der Arbeitgeber unter Umständen auch 2 Teilzeitkräfte einstellen würde. Daher macht eine Bewerbung immer Sinn. Und wenn Sie sich nicht mit Händen und Füßen gegen den Job gewehrt haben, kann das Arbeitsamt gar nichts machen.

Wenn die Selbständige Nebentätigkeit seit mehr als 18 Monaten besteht, wird der Zuverdienstbetrag entsprechend angepasst. Sie dürfen dann den Durchschnittsverdienst der letzten 12 Monate dazuverdienen, ohne dass Ihnen das ALG gekürzt wird. Also vor der Arbeitslosigkeit noch mal richtig ranklotzen :D

Bezüglich des Nebengewerbes wird das entsprechende Einkommen mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld abgefragt. Einfach dort mit angeben und erklären, dass diese Tätigkeit weniger als 15 Stunden wöchentlich ausgeübt wird. mit 15 Stunden wären Sie schon nicht mehr arbeitslos.

Über die Sperrzeit wird mit dem Arbeitlosengeldantrag entschieden. Diesen bekommen Sie bei der Arbeitssuchendmeldung mit und sollten ihn um Sicherheit zu haben schnellstmöglich zur Bearbeitung abgeben.

Viele Grüße


Michael Köhler

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